2026-05-13T11:20:54+0000

Solera: „KI treibt die digitale Vernetzung unserer Branche voran“

_Die Schadenwelt dreht sich immer schneller: Nach starken Schadenjahren geht die Auftragslage in vielen K&L-Betrieben aufgrund sinkender Schadenhäufigkeiten und der angespannten wirtschaftlichen Lage zurück, auch die unaufhaltsame Implementierung Künstlicher Intelligenz in Regulierungsprozesse erhöht den Veränderungsdruck. Im exklusiven schaden.news-Interview analysiert Dr. Ingo Blöink, Vice-President von Solera Audatex AUTOonline, warum der Trend zur fiktiven Abrechnung steigt, wie KI bei Kfz-Versicherern, Sachverständigen und Werkstätten implementiert wird und warum der Mensch trotz Algorithmen unverzichtbar bleibt._ ___Dr. Ingo Blöink, blicken wir auf die aktuelle Marktlage. Die Anzahl der Blechschäden scheint sich im ersten Quartal 2026 stabil, aber unter Vorjahresniveau zu entwickeln. Wie bewertet Solera die momentane Situation?___ __Dr. Ingo Blöink:__ Der Markt hat sich tatsächlich etwas beruhigt. Was wir gerade seit Ausbruch des Iran-Krieges sehen, ist eine initiale Reaktion der Autofahrerinnen und Autofahrer an der Tankstelle: Die Spritpreise sind trotz Regierungsmaßnahmen immer noch hoch. Das wirkt sich auf das Fahrverhalten aus. Die Kilometerleistung sinkt, die Menschen suchen nach Alternativen in der Mobilität. Auf dem Land sind es Fahrgemeinschaften, in der Stadt öffentliche Verkehrsmittel auf der Strecke die Bahn. Zudem treibt die Inflation generell die Preise, das führt zu Kaufzurückhaltung, auch im Schaden Business. ___Wie hat sich die Schadenhäufigkeit im ersten Quartal konkret entwickelt?___ __Dr. Ingo Blöink:__ Wir gehen von einem Rückgang von einigen Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahresquartal aus. ___Sie haben es angesprochen, die Auswirkungen der globalen Krisen sind auch im Schaden Business zu spüren. Es gibt vermehrt Hinweise, dass Schäden aufgrund der wirtschaftlichen Lage häufiger fiktiv abgerechnet werden. Können Sie diesen Trend bestätigen?___ __Dr. Ingo Blöink:__ Ja, der Trend zur fiktiven Abrechnung ist erkennbar. Das liegt einerseits an der Prozessvereinfachung seitens der Versicherer, die zum Teil ihre internen Sachverständigenorganisationen abbauen und stärker auf die Auszahlung „Cash in Hands“ an Versicherungsnehmer im Schadenfall setzen. Andererseits spielt die angesprochene angespannte wirtschaftliche Lage der Konsumenten eine Rolle: Man entscheidet sich häufiger für das schnelle Geld im Portemonnaie. Das ist kritisch zu sehen, da das Fahrzeug an Wert verliert und Folgeschäden schwerer abzugrenzen sind. Allerding muss man auch wissen: In unseren Nachbarländern sind die Quoten teils doppelt so hoch wie in Deutschland – aber ja, wir bewegen uns stärker in diese Richtung. ___Ein großes Thema ist nicht nur in diesem Zusammenhang der Einsatz von KI. Wo setzt die Versicherungswirtschaft hier aktuell den Hebel an?___ __Dr. Ingo Blöink:__ Wir sprechen seit Jahren sehr intensiv mit den Kfz-Versicherern über das Thema Künstliche Intelligenz und haben ja längst selbst bei Solera konkrete Anwendungen entwickelt. Die Phase der Pilotierung ist bei einzelnen Assekuranzen vorbei, jetzt sind die Use Cases in Regelprozessen implementiert und werden stärker differenziert. Dazu eine Erkenntnis: Am Anfang dachte man in vielen Konzernen, KI könne alles regulieren. Doch heute wissen wir, dass KI bei einer guten Datenverfügbarkeit optimale Annäherungswerte anhand eines Schadenbildes liefert, die eine sehr gute Grundlage für die Arbeit von Sachverständigen ist. Bei kleinen bis mittelgroßen Karosserieschäden funktioniert die Visuelle Intelligenz (VI) gut.
Der Trend geht klar zur Kombination aus Maschine und Mensch. Unsere KI soll den Sachverständigen nicht ersetzen, sondern ihn unterstützen, indem sie Standardfälle vorkalkuliert und so Freiräume für komplexe Schäden und Mehrwert bringende Tätigkeiten schafft. ___Wird sich die Schwelle, ab der eine KI Unfallschäden vollständig kalkuliert, in Zukunft weiter nach oben verschieben?___ __Dr. Ingo Blöink:__ Absolut. Sowohl die KI-basierte Schadenerkennung als auch die automatisierte, regelbasierte Kalkulation entwickeln sich kontinuierlich weiter und erreichen heute bereits einen zuverlässigen Standard, der in vielen Bereichen akzeptiert wird. Dadurch kann die KI einen immer grösseren Anteil der Schadenfälle vollständig und präzise kalkulieren. Diese Entwicklung nimmt heute schon Fahrt auf und wird sich in wenigen Jahren noch exponentiell steigern. Aber natürlich bleibt der menschliche Sachverstand immer wichtig. Das gilt nicht nur für Gutachter, sondern auch für die Werkstatt. Bei schweren Karosserieschäden aber auch bei der Fahrzeugelektronik stößt die KI-gestützte Schadenkalkulation anhand von Bildern an ihre Grenzen. Allerdings werden wir in Zukunft bei der Weiterentwicklung auch die Kombination verschiedener Eingabewege wie das Einsprechen von Beschädigungen oder der einer digital angebundenen elektronischen Fahrzeugdiagnose. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass Algorithmen den Menschen auch in unserer Branche nicht ersetzen werden. ___Wo liegen die nächsten Entwicklungsschritte bei Solera?___ __Dr. Ingo Blöink: __Wir fokussieren uns aktuell darauf, KI noch tiefer in die Standardprozesse der grossen Marktteilnehmer zu integrieren. Ein zentraler Bereich ist dabei die Werkstatt: Viele Betriebe haben heute weder die Zeit noch die Ressourcen für aufwendige Kalkulationen. KI kann hier mit geführter Bilderkennung und automatisierter Vorkalkulation unterstützen, sodass sich der Fachmann und -frau wieder stärker auf die eigentliche Reparatur konzentrieren kann. Technologisch arbeiten wir gleichzeitig an neuen KI-Ansätzen wie agentischer und evolutionärer KI, um die Schadenerfassung und Entscheidungslogik weiter zu präzisieren. Zudem gewinnen OEM-Daten zunehmend an Bedeutung. Die Kombination aus modernsten KI-Modellen und tief integrierten Herstellerdaten wird weiterhin ein einzigartiges, leistungsfähiges und präzises Gesamtsystem ermöglichen. ___Wo muss die Branche noch mutiger oder agiler werden?___ __Dr. Ingo Blöink:__ Zunächst bei der Erwartungshaltung. Eine KI muss trainiert werden und ist nicht vom ersten Tag an perfekt. Zudem müssen wir die Vernetzung vorantreiben. Man glaubt es kaum, aber bei dem ein oder anderen Marktteilnehmer werden immer noch Kalkulationen per Fax verschickt. Wenn wir alle Marktteilnehmer – Werkstätten, Sachverständige und Versicherer – digital und wo sinnvoll inklusive KI vernetzen, lassen sich unglaubliche Prozesseffizienzen heben. Es geht darum, KI dort punktuell einzusetzen, wo sie wirklich Sinn ergibt. ___Vielen Dank für unser Gespräch!___
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