2026-04-29T09:26:38+0000

Nach Großbrand: USG in Petersberg baut Lackiererei neu auf

Der Brand ihrer beiden Lackieranlagen im Sommer 2025 stellte den Full-Service-Betrieb USG Unfall-Service GmbH im thüringischen Petersberg vor eine der größten Herausforderungen seiner Unternehmensgeschichte. Innerhalb weniger Minuten standen zentrale Teile der Lackiertechnik in Flammen. Geschäftsführerin Mandy Gehrt erinnert sich noch genau an den Unglückstag: „Wir waren gerade in der Mittagspause, da kam ein Mitarbeiter ganz aufgeregt zu uns gerannt und sagte: Es brennt.“ Trotz der dramatischen Lage reagierte das Team schnell und brachte Fahrzeuge aus der Halle, um zusätzliche Schäden zu vermeiden. Die Gebäudesubstanz blieb weitgehend erhalten, dennoch war klar: Ohne funktionierende Lackieranlagen konnte der Betrieb seine Kernleistung nicht mehr erbringen. Die beiden ausgebrannten Anlagen waren zu diesem Zeitpunkt bereits rund 30 Jahre alt. ## Produktion unter Ausnahmebedingungen Dass der Betrieb trotz zerstörter Lackiertechnik arbeitsfähig blieb, lag an einer Kombination aus Improvisation und Unterstützung aus dem direkten Umfeld. Während Spezialfirmen mit der Reinigung und Rückbauarbeiten begannen, nutzte die USG zeitweise die Lackierkapazitäten der gegenüberliegenden Sportwagenmanufaktur Gehrt Innovation GmbH von Ehemann Volker Gehrt. Für die Belegschaft bedeutete das einen deutlich höheren organisatorischen Aufwand. Fahrzeuge und Teile mussten zwischen den Gebäuden bewegt werden, häufig unter erschwerten Bedingungen und außerhalb regulärer Arbeitszeiten. Mandy Gehrt beschreibt die Situation rückblickend so: „Ich bin mit unseren Jungs teilweise nachts um vier Uhr arbeiten gegangen, um die Lückenzeiten nutzen zu können. Das war herausfordernd, denn auch wenn wir nur einmal über die Straße mussten, galt es die Teile ja vor Wind und Wetter zu schützen. Ein riesiges Dankeschön geht deshalb an mein Team, dass in dieser Ausnahmesituation zusammengehalten hat." Die Phase nach dem Brand verlangte nicht nur logistisches Geschick, sondern auch Flexibilität im Tagesgeschäft. Gleichzeitig hat die Situation den Zusammenhalt im Team nachhaltig gestärkt – ein Effekt, der sich nach Einschätzung der Geschäftsführung bis heute im Arbeitsalltag bemerkbar macht. ## Neue Lackierlinien als Herzstück des Wiederaufbaus Eine zentrale Rolle beim technischen Neuaufbau spielte Marco Zemann, Gebietsverantwortlicher der Region Ost beim Lackierkabinenhersteller WOLF. Er kennt das Unternehmerpaar Mandy und Volker Gehrt bereits seit vielen Jahren, betreute auch die Installation der Lackieranlagen in der gegenüberliegenden Gehrt Innovation GmbH verantwortlich. Bereits rund zwei Jahre vor dem Brand stand er mit Mandy Gehrt im Austausch über mögliche Modernisierungsschritte in der Lackiertechnik. Als es im Juli 2025 zum Brand kam, reagierte er schnell: Stand der Geschäftsführerin schon einen Tag nach dem Ereignis unterstützend zur Seite und übernahm im weiteren Verlauf die Koordination des gesamten Neuaufbaus. Im Dezember begann schließlich die Umsetzung. Der Anlagenhersteller Wolf installierte zwei neue Lackierlinien am Standort der bisherigen Anlagen. Vorhandene Fundament- und Absaugstrukturen konnten dabei
größtenteils weiter genutzt werden. Die neuen Linien bestehen jeweils aus einer kombinierten Lackier- und Trockenanlage mit längsseitig angeordneter separater Trockenkabine. Ergänzt wird das System durch groß dimensionierte Einfahrtstore, eine Berostung mit integrierter Hebebühne sowie eine automatisierte Betriebsartensteuerung mit Frequenzumrichtern. Der Projektverantwortliche sieht darin vor allem Vorteile für Effizienz und Prozessstabilität: „Die Betriebsartensteuerung untersetzt den Lackierprozess in einzelne Arbeitsschritte. Dadurch wird immer nur die Luftmenge eingesetzt, die tatsächlich benötigt wird.“ Ein zentrales Element der neuen Technik ist das sogenannte Multi-Air-System. Es beschleunigt Ablüft- und Trocknungsprozesse deutlich. „Mit dieser Ausrüstung erreichen wir Zeitersparnisse von bis zu 70 Prozent im Vergleich zu Anlagen ohne diese Technik“, erklärt Marco Zemann. Auch die Ausstattung wurde an die Anforderungen moderner Werkstattprozesse angepasst. Durch den Einsatz spezieller High-CRI-LED-Beleuchtungen mit einem Farbwiedergabeindex von über 90 entsteht in der Lackierkabine nahezu Tageslichtqualität. Dadurch kann schon in der Kabine beurteilt werden, wie das Lackierergebnis unter natürlichen Lichtverhältnissen im Freien wirken wird. ## Energieversorgung neu gedacht Neben der technischen Modernisierung nutzte der Betrieb den Wiederaufbau auch, um sich in Sachen Energie nachhaltiger und kosteneffizienter aufzustellen – in einem ersten Schritt wurde die Energieversorgung von Öl auf Flüssiggas umgestellt. Gleichzeitig wurde die Anlage so vorbereitet, dass künftig alternative Energieträger integriert werden können – etwa Wärmepumpen, Blockheizkraftwerke oder Solarenergie. Für Mandy Gehrt war diese Entscheidung auch eine Reaktion auf steigende Energiekosten: „Energie ist teuer geworden. Wir müssen uns alle damit beschäftigen, wie wir effizienter und umweltfreundlicher arbeiten können.“ ## Prozesse neu strukturiert und Arbeitsplätze modernisiert Mit der neuen Technik allein war es jedoch nicht getan. Parallel zum Wiederaufbau stellte die Geschäftsführung interne Abläufe auf den Prüfstand und passte die Arbeitsumgebung an die neuen Anforderungen an. „Wir haben unsere Prozesse noch einmal komplett durchgesehen und überlegt, was wir besser strukturieren können“, beschreibt Mandy Gehrt die Maßnahmen. Dazu gehörte unter anderem die Neuorganisation von Arbeitsplätzen sowie Investitionen in Arbeitstische und Materialbereitstellung. Ein konkretes Beispiel ist die Zusammenführung zweier Füllerarbeitsplätze zu einem zentralen Standort. Weitere Anpassungen wie neue Beleuchtung, Modernisierung der Drucklufttechnik und Erneuerung von Bodenflächen erfolgen schrittweise. ## Investition in die Zukunft Mit der Inbetriebnahme der neuen Lackierlinien im Februar – rund sieben Monate nach dem Brand – konnte die USG Unfall-Service GmbH den Normalbetrieb wieder vollständig aufnehmen. Bis zu 300 Schäden – hauptsächlich für Kfz-Versicherer und Schadensteuerer – werden monatlich in Petersberg abgewickelt. Mit Blick auf die Zukunft will sich Mandy Gehrt jedoch noch breiter aufstellen und neben dem gesteuerten Geschäft auch regionale Kunden stärker in den Blick nehmen: „Wir wollen uns wieder intensiver auf regionale Fuhrparks und Flotten konzentrieren“, betont die Geschäftsführerin. Gerade in diesem Segment sieht sie weiteres Entwicklungspotenzial für den Standort. Rückblickend bewertet Mandy Gehrt die vergangenen Monate trotz der enormen Belastung als wichtigen Entwicklungsschritt für das Unternehmen. Mit einer Gesamtinvestition von insgesamt rund 1,3 Millionen Euro in neue Lackiertechnik und Infrastruktur sei es gelungen, nicht nur den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, sondern Prozesse und Arbeitsbedingungen grundlegend zu verbessern. „Es war eine Katastrophe, aber wir haben die Chance genutzt, aus der Situation etwas Gutes zu machen“, zieht sie Bilanz. Nach Einschätzung der Unternehmensleitung geht der Betrieb damit gestärkt aus der Krise hervor – technisch, organisatorisch und mit klarer Perspektive für die kommenden Jahre.