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2026-03-18T10:13:51+0000

Schadenmarkt im Wandel: Zwischen Regressfallen, Nachwuchssorgen und neuen Innungsstrukturen

Die aktuelle Marktlage verlangt von Betriebsinhaberinnen und -inhabern mehr denn je eine aktive unternehmerische Rolle. Das wurde bei der aktuellen Ausgabe des Schadentalks im Web-TV deutlich, der seit vergangener Woche (12. März 2026) auf YouTube abrufbar ist. Es gilt, sich nicht allein auf den „Auftrag aus der Steckdose“ der Schadensteuerer zu verlassen, sondern die eigene Kalkulationskompetenz und Kundenbindung zu stärken, lautet ein Fazit der sehr dynamischen Diskussionsrunde. Im Identica-Betrieb Jörg Sonnenberg in Kassel diskutierten die Spitzen der Verbände ZKF, BFL und BVdP, Arndt Hürter, Steven Didssun und Michael Pinto, über die aktuellen Entwicklungen und ihre Bestrebungen, die Werkstätten bei der Bewältigung ihrer Situation zu unterstützen – beispielsweise beim Kampf um faire Arbeitszeitwerte oder durch Reform der Ausbildungsberufe. Eine rechtliche Einschätzung der angesprochenen Themen gab es im Talk, den schaden.news-Chefredakteur Christian Simmert moderierte, von Branchenrechtsanwalt Henning Hamann von der Kanzlei Voigt. ## Betriebe beklagen sinkenden Vorlauf Gleich zu Beginn der Sendung wurde klar: Die wirtschaftliche Lage der Karosserie- und Lackierbranche ist derzeit von einer paradoxen Dynamik geprägt: Während die Unfallzahlen statistisch stabil bleiben, spüren viele Werkstätten einen deutlichen Rückgang ihrer Vorlaufzeiten. Gestützt wurde diese Momentaufnahme durch [die Ergebnisse der schaden.news-Konjunkturumfrage aus dem Februar dieses Jahres](https://schaden.news/de/article/link/44940/ergebnisse-konjunkturumfrage-februar-2026). Betriebsinhaber Jörg Sonnenberg berichtete aus der Praxis, dass die früher üblichen drei Monate Puffer teilweise auf nur noch zwei Wochen zusammengeschmolzen sind. Laut Branchenanwalt Henning Hamann liegt dies weniger an fehlenden Unfällen, sondern an einem Trend zur fiktiven Abrechnung und einer steigenden Zahl von Totalschäden durch hohe Ersatzteilpreise und Stundensätze. Für Betriebsinhaber bedeutet dies, dass das gewohnte Sicherheitsnetzt dünner wird und die wirtschaftliche Planung agiler erfolgen muss. ## Fachkräftemangel bleibt das Nadelöhr der Branche Trotz konjunktureller Schwankungen bleibt die Gewinnung qualifizierter Mitarbeiter die größte operative Herausforderung. Nahezu drei Viertel der Betriebe sehen hier keine Entspannung. Steven Didssun, Präsident des Bundesverbandes der Fahrzeuglackierer (BFL), betont die Notwendigkeit, das Handwerk gesellschaftlich wieder attraktiver zu machen, warnt aber vor einer Verkürzung der Ausbildung. ZKF-Präsident Arndt Hürter stellt klar: „Das Extrem zu verkürzen kann eigentlich nur zu einer halben Fachkraft führen“, da die technischen Anforderungen an Karosserie- und Lackierarbeiten stetig steigen. Um dem Mangel aktiv zu begegnen, setzen die Verbände auf innovative Projekte wie die Integration chinesischer Auszubildender in Köln, die durch intensive Sprachförderung und kulturelle Begleitung als künftige Fachkräfte gewonnen werden sollen. Steven Didssun bringt die angespannte Lage auf den Punkt: „Das Tischtuch reicht nicht mehr“, da Kosten in alle Richtungen explodieren und die Rekrutierung erschweren. ## Reform der Innungsstrukturen notwendig Ein zentrales Thema der Verbandsarbeit ist die Modernisierung der Innungslandschaft, die unter Überalterung und mangelnder Relevanz für junge Nachfolger leidet. Besonders
für Fahrzeuglackierer ist die historische Bindung an Maler-Innungen oft nicht mehr zeitgemäß, erklärte Steven Didssun und kritisierte, dass junge Inhaber kaum Interesse haben, sich in Sitzungen „von den Malern anhören, wie die über Raufasertapeten und Vollwärmeschutzt reden“. Ziel der Verbände sei daher eine stärkere Verzahnung und Verjüngung der Strukturen, um als politische Stimme relevant zu bleiben und den Betrieben einen echten Mehrwert für ihren Innungsbeitrag zu bieten. ## Verbände kämpfen für realitätsnahe Arbeitszeitwerte und faire Entlohnung Ein weiterer Hebel für die Rentabilität der Betriebe sind die vorgegebenen Arbeitszeitwerte, die oft nicht mehr mit der Werkstattrealität übereinstimmen. ZKF und BFL arbeiten intensiv daran, diese Werte über die Interessengemeinschaft Fahrzeugtechnik (IFL) anzupassen. Arndt Hürter verdeutlicht das Problem drastisch: „Mit 1,5 Stunden für eine Seitenwand eingeschweißt, da kommt man nicht weit“. Die Verbände fordern eine höhere Akzeptanz für IFL-Positionen bei Versicherern und Datenherstellern, damit die tatsächlich geleistete hochtechnisierte Arbeit auch korrekt vergütet wird. ## Gratwanderung zwischen Schadensteuerung und unternehmerischer Abhängigkeit Besonders intensiv wurde in der Sendung über die Schadensteuerung und die Verträge großer Player wie der Innovation Group diskutiert. Während der Bundesverband der Partnerwerkstätten (BVdP) betont, durch Verhandlungen Verbesserungen bei Haftung und Datenschutz erreicht zu haben, mahnt Henning Hamann zur Vorsicht. Er sieht in den Verträgen oft eine „Sicherheit, die nur in den Köpfen existiert“, da verbindliche Volumenzusagen fehlen und Stundensätze teilweise einseitig angepasst werden könnten. BVdP-Geschäftsführer Michael Pinto hielt dagegen, dass jeder Betrieb eigenverantwortlich entscheiden müsse, ob das Modell betriebswirtschaftlich tragbar ist: „Im Grunde genommen wird ja kein Betrieb dazu gezwungen, sich in der Schadensteuerung anzuschließen.“ ## Rechtliches Risiko durch Regressforderungen und Falle fiktive Abrechnung Ein brisantes rechtliches Thema wurde im Talk durch die Zunahme von Regressforderungen durch Kfz-Versicherer seit einer wegweisenden BGH-Entscheidung angesprochen. Henning Hamann warnt: „Das Spiel ist länger geworden“. Er riet erneut dazu, Reparaturen strikt auf Basis eines neutralen Sachverständigengutachtens durchzuführen und dies im Auftrag mit der Formel „Reparatur laut Sachverständigengutachten“ zu fixieren. Ein weiteres Risiko stellt die fiktive Abrechnung dar, bei der Kunden oft in die „Vorschadenfalle“ tappen. Werden Schäden per KI-App schnell ausgezahlt, ohne sie fachgerecht zu reparieren, drohten beim nächsten Unfall die vollständige Entschädigungslosigkeit, da der fachgerechte Nachweis der Erstinstandsetzung fehle. ## Kontroverse Debatte um Gebrauchteile Auch die Empfehlungen des Verkehrsgerichtstags zum Einsatz von Gebrauchteilen sorgten beim Talk in Kassel für Zündstoff. Während Versicherer die Reparatur mit gebrauchten Teilen forcieren, warnen die Werkstattvertreter vor ungeklärten Fragen bei der Gewährleistung und den Folgekosten. Arndt Hürter bezeichnete die Behauptung, alle Punkte seien bereits geklärt, als reine „Marketingaussage“. Die Verbände fordern hier klare vertragliche Regelungen in den Versicherungspolicen, bevor die Betriebe das Risiko für die Qualität und Sicherheit gebrauchter Komponenten übernehmen sollen. ## Der Weg nach vorne: Unternehmertum schlägt Abhängigkeit Letztlich zeigt der Branchentalk deutlich: Nur wer seine Prozesse digital beherrscht, rechtlich sicher dokumentiert und seinen Fachkräften eine echte Perspektive bietet, wird den aktuellen Richtungswechsel im Schadenmarkt erfolgreich meistern.
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