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2026-07-29T10:10:38+0000

DEKRA-Unfallanalytiker: Was passierte in den Sekunden vor dem Knall?

Wenn Felix Schober gerufen wird, ist meist ein schwerer Unfall geschehen, sind Menschen verletzt worden oder gar ums Leben gekommen. Während die anderen Parteien dafür zuständig sind, Hilfe zu leisten, den Unfallort zu beräumen, gilt sein Interesse dem Geschehen in den Sekunden, bevor es gekracht hat. Felix Schober ist einer von bundesweit rund 500 Unfallanalytikern der Sachverständigenorganisation DEKRA. Seine Auftraggeber sind Polizei und Staatsanwaltschaft, in zivilrechtlichen Fällen auch Fahrzeughalter und Kfz-Versicherer. „Meine Aufgabe ist es, den genauen Unfallhergang zu rekonstruieren“, erzählt er im schaden.news-Gespräch. ## Erst Spuren und Daten sammeln am Unfallort... Für die DEKRA Niederlassung Leipzig, bei der Felix Schober angestellt ist, arbeitet ein siebenköpfiges Team aus Unfallanalytikern sowohl im regulären als auch im Bereitschaftsdienst. Ihr Einsatzbereich erstreckt sich in einem Radius von rund 50 Kilometern um die Niederlassung. Werden die Unfallanalytiker gerufen, begleiten sie parallel zu Polizei und Rettungskräften die Unfallaufnahme vor Ort, suchen und vermessen Spuren, machen Fotos von den verunfallten Fahrzeugen und großflächig auch vom Unfallort. Dafür nutzen sie Kameras auf Hochstativen, die die Umgebung Meter für Meter abfotografieren. Immer öfter kommen auch Kamera-Drohnen zum Einsatz. Bei neueren Fahrzeugen können die Unfallanalytiker zudem auch digitale Spuren aus den Fahrzeugen auslesen, zum Beispiel den Event Data Recorder (EDR), umgangssprachlich auch Fahrzeug-Blackbox genannt – entweder direkt vor Ort oder nach dem Ausbau beim Abschleppdienst. ## ...dann Detektivarbeit am Schreibtisch Wenn der Einsatz an der Unfallstelle vorbei ist, geht die Detektivarbeit für Felix Schober am Schreibtisch weiter. Dort wertet er die Daten aus, erstellt anhand von bis zu 3000 Fotos digitale 3D-Modelle sowie Unfallskizzen und mithilfe einer speziellen Software auch Animationen. Sie zeigen, wie der Unfall auf einer Zeitachse geschehen sein könnte. „Unser Ziel ist, so detailliert wie möglich herauszufinden und aufzuzeigen, wie der Unfall passiert ist, unter welchen Bedingungen er geschehen ist und ob beziehungsweise wie er hätte vermieden werden können.“ ## Unfall mit Todesfolge wäre vermeidbar gewesen So wie im Beispiel eines Unfalls, der sich auf einer zweispurigen Fahrbahn in Leipzig vor einigen Jahren ereignet hat: Ein Taxifahrer fuhr hier auf der linken Spur und erfasste einen Fußgänger, der noch an der Unfallstelle verstarb. Eine Zeugin, die mit ihrem Fahrzeug auf der rechten Fahrspur unterwegs war, gab zu Protokoll, der Taxifahrer sei viel schneller unterwegs gewesen als sie. Mithilfe der am Unfallort gesammelten Spuren und der Daten aus dem EDR-System konnten die Experten nach der Auswertung feststellen: Der Taxifahrer war noch 5 Sekunden vor dem Unfall mit fast 90 Kilometern pro Stunde unterwegs. Hätte er sich an die vorgegebene Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h gehalten, wäre er nach dem Erkennen des Fußgängers und der eingeleiteten Bremsung noch weit genug vor der Person zum Stehen gekommen. Der Unfall mit tödlichem Ausgang hätte also vermieden werden können. Erkenntnisse wie diese tragen die Unfallanalytiker in den entsprechenden Verfahren vor Gericht vor. „Die Schuldfrage beantworten aber niemals wir Unfallanalytiker. Das obliegt am Ende dem Richter", erklärt Felix Schober. ## Gefragt sind Spürsinn, Sachverstand und Resilienz Wie ist er überhaupt zu seinem Job gekommen? „Ich habe Fahrzeugtechnik in Dresden studiert und hatte dort bereits eine Vorlesung zum Sachverständigenwesen. Das hat mich fasziniert. Nach dem Studium habe ich mich auf eine Stellenausschreibung bei DEKRA beworben und dort nach der Zusage die spezielle Ausbildung zum Unfallanalytiker absolviert", berichtet Felix Schober. Das sei unerlässlich. Denn bei seiner Arbeit zählen nicht nur Spürsinn und technischer Sachverstand, sondern auch ein gewisses Maß an Resilienz. „Bei den Fällen, zu denen wir gerufen werden, sind wir nicht selten auch mit schwer verletzten oder verstorbenen Personen konfrontiert. So etwas muss man aushalten können. Beispielsweise auch, wenn Kinder unter den Unfallopfern sind", berichtet Felix Schober. Für Fälle, die schwer zu verarbeiten sind, steht ihm und seinen Kollegen auch eine psychologische Beratung zur Seite. ## Sinnvoller Job auf mehreren Ebenen „Jeder Fall, der auf meinem Tisch landet, ist anders. Und jede Untersuchung ist auch gleichzeitig als Fortbildung zu betrachten, ich lerne immer dazu", berichtet Felix Schober im schaden.news-Interview. Die von den Unfallanalytikern erfassten Daten helfen darüber hinaus auch bei der langfristigen Vermeidung von Unfällen. Denn sie fließen zum einen in die DEKRA Unfallforschung, die auch mit Fahrzeugherstellern fortwährend im Gespräch ist, damit durch veränderte Fahrzeugbauweisen Unfälle zukünftig gar nicht erst entstehen oder die Unfallfolgen gemindert werden. Zudem werden die Daten auch in den regionalen Unfallkommissionen der Stadt verwendet, um Gefahrenstellen zu erkennen und gegebenenfalls umzubauen. Insofern ist die Tätigkeit eines Unfallanalytikers also auf vielen Ebenen sinnvoll und hilfreich. Felix Schober macht seinen Job gern. „Er ist spannend und herausfordernd zugleich. Ich arbeite sowohl im Büro als auch an der frischen Luft. Und er ist wichtig, nicht nur für die Auftraggeber, sondern auch für die Unfallopfer und ihre Angehörigen: Schließlich helfe ich dabei, die Wahrheit über einen Unfallhergang ans Licht zu bringen“, betont er abschließend.
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