Von
 
2019-04-03T14:10:17+0000

Würzburg diskutiert den Stunden-Verrechnungssatz

Mehr als 1.000 Teilnehmer bei den diesjährigen Karosserie- und Schadenstagen Ende März – keine Frage, das Thema Stundenverrechnungssatz zog in diesem Jahr besonders viele Besucher nach Würzburg. Die Teilnehmer nutzten neben den Vorträgen von Rechtsanwälten und Branchenkennern auch die Gelegenheit zum intensiven Austausch mit den Ausstellern. ## "Der DRS ist immer falsch" In den Diskussionen bei den Karosserie- und Schadenstagen kamen immer wieder die Reparatur Stunden Sätze (DRS) von DEKRA zur Sprache. Bernd Grüniger von der Prüforganisation unterstrich in der Podiumsdisskusion: "Der DRS ist ein Durchschnittswert der von DEKRA erstellten Gutachten in einer Region." Dementsprechend eigne er sich zwar als Orientierungswert, sei aber gleichzeitig immer falsch – eben weil es sich dabei lediglich um einen rechnerischen Durchschnitt handelt. Rechtsanwalt Elmar Fuchs ergänzte hierzu: "Erschwerend kommt hinzu, dass darin auch die Stundenverrechnungssätze von Partnerwerkstätten enthalten sind – daher ist es auch absolut legitim, wenn Sie mit ihren Sätzen darüber liegen." ## Bewusste Entscheidung gegen Schadenmanagement An der Diskussion am Schadens-Freitag nahm Norbert Steufmehl teil, Geschäftsführer eines Unfallreparaturbetriebs. "Wir haben uns komplett aus dem Schadensteuererungsgeschäft zurückgezogen. Seitdem sind unsere Rechnungen deutlich
höher und decken unsere tatsächlichen Kosten ab", erklärte der Unternehmer. In Summe erhalte er so vielleicht zwei bis drei Schäden weniger, doch dafür könne er tatsächlich alles abrechnen. Die Teilnehmer der Diskussionsrunde waren sich darin einig: Es kann nicht sein, dass Privatkunden die Kosten decken, die aufgrund der Schadensteuerung offen bleiben. "Erschwerend kommt hinzu, dass die [administrativen Kosten seit Jahren steigen](https://schaden.news/de/article/link/40950/zkf-branchenbericht-2017)", unterstrich ZKF-Präsident Peter Börner. "Ein Betrieb mit zehn produktiven Mitarbeitern beschäftigt durchschnittlich zusätzlich fünf unproduktive Arbeitnehmer." Deshalb hatte der Verband [bereits im vergangenen Jahr die Zeitstudie Chronos in Auftrag gegeben](https://schaden.news/de/article/link/40793/ifl-studie-interview-peter-boerner), die insgesamt rund 900 Zeitmessungen von administrativen, bislang nicht hinterlegten Aufwänden im Werkstattalltag erfasst. "Nach bisherigen, vorläufigen Erkenntnissen, sprechen wir von rund drei Stunden adiministrativem Aufwand pro Auftrag." In Österreich gebe es dafür bereits eine Lösung: Dort veranschlagen Betriebe jeweils pauschal 35 Euro für Kalkulation, Auftragsbearbeitung und Teilebestellung. ## Stundensatz muss bessere Gehälter und Investitionen zulassen "Die jungen Leute haben Bock auf Auto, das Thema ist nach wie vor attraktiv, aber wir müssen die Ausbildung besser bezahlen", appelierte Stefan Höslinger von der HEPP Unternehmensberatung an die Anwesenden. Gerade für Betriebe im Schadenmanagement sei dies jedoch zunehmend schwieriger. "Der DEKRA Reparatur-Stundensatz ist in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen, als die Stundenverrechnungssätze bei den Schadensteuerern. Mehr bezahlen ist also für viele Betriebe gar nicht so einfach", zeigte er auf und unterstrich zudem die Schwierigkeiten
bei der Qualifizierung: "In Anbetracht der aktuellen technischen Entwicklungsgeschwindigkeit, kommt es auf lebenslanges Lernen an. Das heißt eben auch, dass wir Gesellen schon zwei Jahre nach ihrer Ausbildung wieder auf Schulungen schicken müssen, damit sie auf dem aktuellen Stand sind." Qualifizierte Mitarbeiter wiederum seien auch im Interesse der Versicherer – schließlich entfallen auf diese Weise Fremdleistungen. "Wir haben errechnet, dass der Stundensatz zwischen acht und 20 Euro steigen müsste, damit Werkstätten ihren Mitarbeitern rund 600 Euro mehr zahlen und Investitionen stemmen können", erklärte der Unternehmensberater und schloss, dass eine Erhöhung der Versicherungsprämien um etwa zwei Euro bereits ausreiche, um "vernünftige" Stundenverrechnungssätze zu zahlen. ## Rechnen statt vergleichen! "Erfahrungsgemäß wird der Stundensatz in vielen Betrieben nicht berechnet, sondern entsteht auf der Basis von Wettbewerbspreisen in der Region", schilderte Joachim Heim von der DEKRA-Beratungsgellschaft DEKRA Automotive Solutions seine Beobachtungen. Der Plan-Stundenverrechnungssatz errechnet sich aus dem Planumsatz (Gesamtkosten + Zielmarge) geteilt durch die fakturierbaren Stunden. Zudem lieferte er den Teilnehmern in Würzburg wesentliche Kennzahlen mit einer Einschätzung, wo diese liegen sollten: * __Anwesenheitsgrad__ (Verhältnis bezahlte Stunden zu Anwesenheitsstunden: 80-85% * __Auslastungsgrad__ (Verhältnis Anwesenheitsstunden zu Produktivstunden): > 90% * __Leistungsgrad__ (Verhältnis fakturierte Stunden zu Produktivstunden): 100% * __Rentabilität__ (Verhältnis fakturierte Stunden zu Anwesenheitsstunden): > 90% * __Jahresleistung__ (Verhältnis fakturierte Stunden zu bezahlten Stunden): 70-80%
## Auch bei Rechnungskürzungen herrscht weiterhin Diskussionsbedarf Neben dem Stundenverrechnungssatz kamen die einzelnen Referenten während der Würzburger Karosserie- und Schadenstage immer wieder auch auf die vielen ungerechtfertigten Rechnungskürzungen durch Versicherer und entsprechende Dienstleister zu sprechen. Ironisch fasste Elmar Fuchs, der die Veranstaltung moderierte, zusammen: "Vielleicht sollten Werkstattmitarbeiter einfach aufhören, Batterien abzuklemmen – schließlich weiß der Versicherer offensichtlich besser, dass das nicht erforderlich ist. Stellt sich nur die Frage, wer den anschließenden Gebäudeschaden erstattet." Gleiches gelte für das [Dauerstreitthema Reinigungskosten](https://schaden.news/de/article/link/40609/rechtstipp-verbringungs-und-reinigungskosten): "Sie wissen, dass Sie einen güllebeschmierten Unfallwagen zuerst reinigen müssen. Will der Versicherer diese streichen, sollten Sie beim nächsten Mal vielleicht gleich lackieren." Mit Blick auf die Prüfberichte, hob der Rechtsanwalt hervor: "Nutzen Sie um Himmels Willen nicht das Angebot, Rückfragen an ControlExpert zu stellen. Der einzige, mit dem Sie – wenn überhaupt – verhandeln sollten, ist der Versicherer!" ## Aktive Unterstützung von Fachkräften Für besondere Aufmerksamkeit sorgte in diesem Jahr die Verlosung von insgesamt 20 limitierten Werkstattwagen der Marke Sonic an Jungmeister und Junggesellen. Die Aktion wurde gemeinsam von Carbon, Innovation Group sowie Axalta organisiert und soll Wertschätzung gegenüber den "Jungen" in der Branche hervorheben. Carbon-Geschäftsführer Siegbert Müller erklärte: "Die Förderung von Fachkräften im Handwerk ist für uns enorm wichtig. Von den Werkstattwagen gibt es überhaupt nur 1.000 Stück. Sie werden zusätzlich mit einer Plakette gelabelt, die den Namen und den Beschäftigungsort des jeweiligen Gewinners trägt."
Lesens Wert

Mehr zum Thema