2026-11-04T09:44:23+0000

Praxis-Tipp: Lackieren in der kalten Jahreszeit – Von nass und kalt bis eisig und trocken

_Als Technischer Trainer Deutschland beim Lackhersteller AkzoNobel erreichen Albert Betger immer wieder Fragen rund um das Lackieren in den Sommer- und Wintermonaten. Im Gastbeitrag gibt der Fahrzeuglackierermeister Tipps rund um die richtigen Materialeinstellungen je nach Witterung und Luftfeuchtigkeit im Herbst und Winter._ ___von Albert Betger___ Die kalte Jahreszeit bringt für Lackierbetriebe jedes Jahr ihre eigenen Herausforderungen mit sich. Im Sommer sind die Bedingungen häufig relativ einfach einzuschätzen. Im Winter kann sich das dagegen schnell ändern. Mal haben wir kalte und feuchte Tage, an anderen Tagen extrem trockene Luft. Dazu kommen schwankende Temperaturen und unterschiedliche Bedingungen innerhalb der Werkstatt und Lackierkabine. Wer unter solchen Bedingungen gleich arbeitet wie im Sommer, wird früher oder später feststellen, dass sich das Material anders verhält. Deshalb lohnt es sich gerade im Winter, etwas genauer hinzuschauen: Wie warm ist es tatsächlich? Wie hoch ist die Luftfeuchtigkeit? Und passt die Materialeinstellung zu diesen Bedingungen? ## Nass und kalt: Wenn die Luftfeuchtigkeit hoch ist Eine typische Wintersituation kennen wahrscheinlich die meisten Lackierer: draußen ist es kalt, gleichzeitig haben wir eine hohe Luftfeuchtigkeit. Gerade bei Temperaturen um 10 bis 15 Grad und hoher relativer Luftfeuchtigkeit kann sich das Ablüft- und Trocknungsverhalten deutlich verändern. Das Material braucht länger, um abzutrocknen und abzulüften. Besonders bei wasserbasierten Basislacken spielt die vorhandene Luftfeuchtigkeit eine wichtige Rolle. In solchen Situationen kann eine Anpassung des Reducers beziehungsweise Activators sinnvoll sein. Bei nass-kalten Bedingungen kann ein kürzer eingestellter Reducer beziehungsweise Activator dabei helfen, das Material besser an die vorhandenen Bedingungen anzupassen. Natürlich sollte dabei immer die Freigabe und Empfehlung des jeweiligen TDS berücksichtigt werden. ## Kalt und extrem trocken: Eine oft unterschätzte Situation Die andere Seite erleben wir an sehr kalten und trockenen Wintertagen. Temperaturen von unter null Grad und eine relative Luftfeuchtigkeit von unter 20 Prozent sind keine Seltenheit. Die sehr trockene Luft kann dazu führen, dass das Material zu schnell anzieht beziehungsweise verdunstet. Gerade beim Einlackieren kann das schnell auffallen. Das Material hat dann weniger Zeit, sich sauber zu verteilen und einen gleichmäßigen Übergang zu bilden. Hier kann die Auswahl eines langen Reducers beziehungsweise Activators helfen. Durch die langsamere Einstellung bekommt das Material mehr Zeit zum Ablüften und Verlaufen. Das kann gerade beim Einlackieren oder bei größeren Reparaturflächen einen deutlichen Unterschied machen. Damit wird auch klar: Im Winter gibt es nicht grundsätzlich die richtige Einstellung. Entscheidend sind die tatsächlichen Bedingungen. Nicht jeder Wintertag ist gleich. Natürlich spielen dabei noch weitere Faktoren eine Rolle. Dazu gehören beispielsweise die Größe der Reparatur, die verwendete Lackierpistole, Luftdruck, Materialmenge, Spritzabstand und natürlich die Temperatur des Materials selbst. ## Auch die Materialtemperatur nicht vergessen Ein Punkt, der im Alltag gerne unterschätzt wird, ist die Temperatur des Lackmaterials. Wenn das Material aus einem kalten Lager kommt und direkt verarbeitet wird, verhält es sich anders als Material, das bereits auf Verarbeitungstemperatur ist. Die Viskosität verändert sich und damit auch die Zerstäubung und das Spritzverhalten. Gerade im Winter sollte deshalb darauf geachtet werden, dass das Material möglichst auf einer geeigneten und gleichmäßigen Verarbeitungstemperatur ist. Auch die Pistole sollte nicht als erstes Mittel verwendet werden, um ein nicht optimal eingestelltes Material auszugleichen. Wenn die Materialeinstellung nicht zu den Bedingungen passt, kann man mit Luftdruck und Materialmenge nur bedingt gegensteuern. ## Am Ende entscheidet das Zusammenspiel Für mich ist deshalb gerade im Winter wichtig, nicht nur auf die Temperatur zu schauen. Temperatur und Luftfeuchtigkeit gehören zusammen. Wenn man die Bedingungen kennt, kann man die Materialauswahl entsprechend anpassen. Bei nasskalten Bedingungen kann ein kürzerer Reducer beziehungsweise Activator sinnvoll sein. Bei sehr trockener Luft und Temperaturen unter 0 °C kann dagegen ein längerer Reducer beziehungsweise Activator die bessere Wahl sein. Zusätzlich sollte die Materialtemperatur stimmen und die Lackierpistole entsprechend eingestellt werden. Wenn dann noch möglichst konstante Bedingungen in der Lackierbox geschaffen werden, lässt sich auch im Winter zuverlässig und reproduzierbar arbeiten. Der Winter muss also kein Grund sein, warum eine Lackierung schwieriger wird. Man muss nur wissen, was die aktuellen Bedingungen mit dem Material machen und entsprechend darauf reagieren. Denn am Ende gilt auch beim Lackieren im Winter: Nicht nur das Produkt entscheidet über das Ergebnis. Entscheidend ist, dass Produkt, Materialeinstellung, Applikation und Umgebungsbedingungen zusammenpassen.
Gastbeitrag